01 January 1998

Tags: life deutsch stephan

Um den Menschenmassen und der Hitze aus dem Weg zu gehen gingen wir durch eine schattige
Seitenstraße zum Auto zurück.
Beladen mit den Errungenschaften eines Einkaufsbummels sahen wir den alten Mann kaum.
"Ein Los eine Mark. Jeder kann gewinnen."

Hastig war er vorgesprungen und hatte meiner Mutter eine Schachtel entgegengestreckt.
Die schaute in Milde an, stellte beide Taschen hin und kramte in ihrer Börse.
"Zwei Lose."

"Nur ein Los heute, meine Dame."
Er schaute ihr rasch über die Schulter, nahm das Geld und verharrte dabei in seiner leicht vorgebeugten Haltung.
Sie wählte ein Los, öffnete es und las.
Sie kriegt den Hauptpreis nach dem Verlesen eines Textes an einen Fremden.
Jetzt kam wieder Leben in ihn. Er drückte ihr schnell einen Bogen Papier und einen Schlüssel in die
Hand und zog sie nach links.
Ihr Text, ihr Preis und eine Fremder fürs Vorlesen.

Eine Familie wollte gerade an uns vorbei und ein Haus betreten.
Überracht und zögernd tratt meine Mutter an die ihr am nächsten stehenden Frau heran.
Der Alte hinter ihr deutete auf den Mann Anfang 40 der als Letzter vorbei wollte.

"Entschuldigung, ich bin gebeten worden ihnen diese Geschichte vorzulesen.
Hätten sie etwas dagegen ?"
Der schaute sie nicht besonders begeistert an sagte aber nichts.

"1941 in Frankreich. Ein junger deutscher Soldat in Paris lernt ein Mädchen kennen und lieben.
Nach ein paar Monaten muß er gehen, verspricht aber schnellstmöglich wieder zu kommen.
Er wird in einern Einsatz verletzt und liegt 3 Monate ihm Lazaret.
Er kommt zurück, aber Marie-Claire ist weg. Der Portier erzählt ihm daß die Mädchen
meisfens falsche Namen verwenden aber daß die, die er wohl meint, zu einer Tante in
der Provinz wollte. Dann sagte er noch er habe ihr weit mehr als sein Medallion
dagelassen.

Er fand sie und sein Kind während des Krieges nicht und auch hinterher nicht. Er hat
Anouncen, Detective und anderes versucht.
Vergeblich. Aber er hat nie aufgehört.

Vor ein paar Tagen las er in einer Zeitung folgende Vermistenanzeige:
Am 4.3 habe ich im Schliesfach 502 des städtischen Hallenbades ein Medallion
(siehe Abbildung) vergessen. Dies ist nur für mich von hohem persöhnlichen
Wert. Ich biete dem Finder oder jetzigen Besitzter 300.-DM Finderlohn.
Ciffre 234193

Er brachte Name, Addresse und Lebensumstand des Eigentümers in Erfahrung.
Es könnte sein.

Hier ist der Text zu Ende

Der Alte hatte ihr entweder über die Schulter in den Text gesehen
oder war nervös im Kreis gelaufen.
Jetzt stand er neben meiner Mutter und blickte erwartungsvoll.
Der Angesprochene hatte während meine Mutter sprach seine reservierte Haltung aufgegeben
und ging jetzt auf den alten Mann zu.
"Papa ?"
Die zwei Männer standen sich zögernd gegenüber und fie1en sich dann in die Arme.

Meine Mutter las weiter, erbleichte und schaute den Schlüssel an.
Nach einem Moment ging sie zu den Beiden und schob schnell Text und Schlüssel in eine Tasche des Losverkäufers.
Lächelnd ging sie rasch zum Parkplatz.
Sie hat nie erzählt was noch auf dem Papier stand.

License CC0-1.0
Source openCage.github.io